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> Illegale Drogen, Wirkungsdauer und Nachweis, Die Haaranalyse
Hornblower
Beitrag 08.10.2006, 16:29
Beitrag #1


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Durch die Haaranalyse kann allgemein eine Aussage über die Aufnahme von Schadstoffen über einen längeren Zeitraum hinweg getroffen werden. Vom menschlichen Körper aufgenommene Schadstoffe verteilen sich im Blutkreislauf und wachsen in die Haare ein. Die Haaranalyse wird damit zu einem „verzögerten“ Indikator, der dann interessant wird, wenn Schadstoffe durch Blut- und Urinuntersuchungen nicht mehr verfolgt werden können.
Die Haaranalyse im Rahmen eines Drogen-Screenings ist keine Schikane, sondern ein Werkzeug für einen Bürger, um Behörden von seiner Abstinenz gegenüber bestimmten Drogen zu überzeugen. Hat ein Mensch ein reines Gewissen, so sollte er alles Mögliche unternehmen, um ein valides, aussagekräftiges Analysenergebnis zu bekommen. Verschleierungsversuche werden dagegen i.d.R. auffallen und die Aussagekraft selbst eines negativen Analysenergebnisses verschlechtern. Andererseits werden Verschleierungsversuche i.d.R. aufgrund der hohen Analysengenauigkeit kaum erfolgreich sein.

In dieser FAQ werden folgende Fragen beantwortet:

Recht:
  • Wozu werden Haaranalysen verwendet?
  • Wird nur auf eine Substanz untersucht oder wird auch auf Konsum anderer Drogen getestet?
  • Wo werden Haaranalysen durchgeführt?
Methode:
  • Warum können Haare ein Konsum-Indikator sein?
  • Wird das Haar im Ganzen analysiert?
  • Werden quantitative Werte verwendet oder ist nur der qualitative Nachweis des Konsums oder der Abstinenz interessant?
  • Ist schon einmaliger Konsum nachweisbar?
  • Wie lange dauert es, bis nach einmaligem Konsum die Substanz oder deren Metaboliten im Haar nachweisbar sind?
Technik:
  • Was kann man in Haaren analysieren?
  • Wie werden Proben genommen?
  • Wie funktioniert (grob, für Laien verständlich) die Analyse?
Störfaktoren:
  • Wie wirken sich Witterung, Shampoos, Haarfärbemittel, Dauerwellen, etc. auf das Analysenergebnis aus?
  • Sind Spezialshampoos zum Auswaschen von Drogenbestandteilen aus dem Haar wirksam?
  • Wie wirken sich Probenspuren in der Umgebungsluft aus (bsp. Passivrauchen)?
Recht:

Wozu werden Haaranalysen verwendet?

Haaranalysen werden angefordert, um die Abstinenz eines Probanden gegenüber bestimmten Drogen zu dokumentieren und seine diesbezüglichen Aussagen ggf. zu überprüfen. Die Haaranalyse ist damit ein Instrument des Pobanden, um seine Glaubwürdigkeit zu untermauern.


Wird nur auf eine Substanz untersucht oder wird auch auf Konsum anderer Drogen getestet?

Häufig wird neben der primären Aufgabenstellung auch nach Spuren für den Konsum anderer Drogen gesucht, um ggf. eine Suchtverlagerung oder Mischkonsum zu dokumentieren.


Wo werden Haaranalysen durchgeführt?

Haaranalysen werden in manchen Fällen von den ortzuständigen Gesundheitsämtern oder den rechtsmedizinischen Instituten durchgeführt. Eine Liste mit anerkannten Laboratorien ist üblicherweise bei der Führerscheinstelle erhältlich.



Methode:

Warum können Haare ein Konsum-Indikator sein?

Ein Haar besteht im Wesentlichen aus drei Schichten: Die äußere Hülle ist die dünne Schuppenschicht (Cuticula), die Hauptmasse bildet dann die Faser-Schicht (Cortex), und den dünnen Kern des Haares bildet der Markkanal (Medulla). Das eigentliche Haarwachstum erfolgt ausschließlich in der Haarwurzel, während das Haar außerhalb der Kopfhaut biologisch tot ist und sich, abgesehen von Verwitterungsprozessen, nicht mehr ändert. In der Wachstumszone (Haarpapille) werden nicht nur durch die ureigenen Haarbestandteile gebildet, sondern auch haarfremde Stoffe, die sich zum gegebenen Zeitpunkt in der Blutbahn befinden, werden in die Haarmasse eingebaut (z.B. Medikamente, Drogen, Umweltgifte und deren Abbauprodukte). Durch die Wachstumsrate des Haares von ca. 13 mm pro Monat wird das Haar somit zu einem Protokollstreifen, der Stoffkonzentrationen in der Blutbahn über einen längeren Zeitraum kontinuierlich aufzeichnet. Bei einer Lebensdauer des Haares von 2 bis 6 Jahren kann demnach bsp. die Schadstoffbelastung eines Menschen gerade bei langem Haar über einen sehr langen Zeitraum zurückverfolgt werden.


Wird das Haar im Ganzen analysiert?

Das Haar kann einerseits in seiner ganzen Länge analysiert werden; in diesem Fall bekommt man als Messwert eine Durchschnittsexposition über den gesamten Zeitraum des Haarwuchses bis zur gegebenen Länge. Gelegentlicher Konsum (mit zugehöriger hoher Exposition) kann nicht unterschieden werden von chronischer Belastung mit niedriger Konzentration. Üblicherweise ist der erhaltene Messwert aber valide genug, um Abstinenz zu bestätigen oder Konsum nachzuweisen. Wenn ein Dauerkonsument eine Abstinenz von x Monaten eingehalten hat, dann darf dadurch nur noch ein gewisser Maximalwert an Drogenmetabolit im Haar sein. Wird der Grenzwert überschritten, so gilt der Nachweis als erbracht, dass während der angegebenen Abstinenzphase konsumiert worden ist. Typischerweise belegt diese Form der Haaranalyse nicht die Konsumdauer, sondern prüft eine Abstinenzaussage anhand der Zuweisung von durchschnittlichen Konsumwerten zu den Grenzwerten. Dies setzt natürlich voraus, dass sich die Haare in einem zur Analyse geeigneten Zustand befinden. Ist die Haarprobe in einem so schlechten Zustand, daß der Gehalt an Testsubstanz herabgesetzt sein könnte (z.B. durch Bleich- und Färbemittel, Shampoos oder Witterungsfaktoren), so kann die Haarprobe als unbrauchbar eingestuft werden.
Andererseits kann das Haar auch (unter höheren Kosten) segmentweise untersucht werden. Hierzu werden definierte Längenabschnitte separat analysiert und man bekommt Daten über den zeitabhängigen Expositions-Verlauf. Auf diese Weise können detailliertere Aussagen über die Konsum-Karriere, einmaligen Konsum und Ausstiegs- oder Entwöhnungsszenarien getroffen werden.


Werden quantitative Werte verwendet oder ist nur der qualitative Nachweis des Konsums oder der Abstinenz interessant?

Die quantitative Bestimmung der Substanzmengen im Haar ist analytisch problemlos möglich. "In erster Näherung" könnte man so über Abbauzeiten oder Halbwertszeiten auf die Konsummenge zurückschließen. Allerdings ist diese Näherung sehr grob und die quantitativen Werte haben nur begrenzte Aussagekraft, weil die Menge eingelagerter Substanz von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist. Die Schwankungen sind anscheinend hinreichend groß (teilweise abhängig von der natürlichen Haarfarbe), um eine quantitative Ursachen-Wirkungs-Beziehung zu stören. Darüber hinaus ist der Abbau einer eingelagerten Substanz durch chemische Instabilität (Zerfallszeiten, Halbwertszeiten) wohl eher vernachlässigbar im Vergleich zu äußeren Faktoren (Witterung, Kosmetika), die wiederum individuell sehr in der Intensität variieren können (siehe: „Störfaktoren“).
Der qualitative Nachweis von Drogenkonsum ist dagegen mit hoher Sicherheit möglich. Im Allgemeinen wird deshalb primär der qualitative Konsum- oder Abstinenz-Befund herangezogen. Die Fragestellung beschränkt sich normalerweise darauf, zu klären, ob der Proband niemals konsumiert hat („sauberes Haar“), gelegentlich („saubere“ und intoxierte Strangteile nebeneinander) oder regelmäßig (durchgehend intoxiert).
In Einzelfällen kann die halbquantitative Dokumentation der Konsum-Karriere interessant sein (Ausstiegs- oder Entwöhnungs-Szenarien, Passiv-Konsum, etc.).


Ist schon einmaliger Konsum nachweisbar?

Grundsätzlich werden Stoffe in die Haarsubstanz eingelagert, sobald sie im Blutkreislauf verfügbar sind. Einmaliger Konsum ist deshalb prinzipiell nachweisbar.
Im Einzelfall hängt der Nachweis allerdings von der Empfindlichkeit der Nachweismethode ab, vom jeweiligen Stoff und von der Intensität des Konsums. Insbesondere bei den „harten“ Drogen wurde die Empfindlichkeit der Methoden sehr weit entwickelt, während bei den „weichen“ Drogen einmaliger Konsum über einen langen Zeitraum (6-12 Monate) vielleicht im Grundrauschen der Routinemethode untergehen kann. Die Leistungsfähigkeit der Analysenmethoden und –geräte wird allerdings kontinuierlich verbessert, so dass ein Nachweis immer wahrscheinlicher wird.


Wie lange dauert es, bis nach einmaligem Konsum die Substanz oder deren Metaboliten im Haar nachweisbar sind?
Bei einer Wachstumsrate des Haares von ca. 13 mm pro Monat ist eine singuläre Substanzablagerung nach ca. 14 Tagen Bestandteil der zu entnehmenden Haarprobe.



Technik:

Was kann man in Haaren analysieren?

Bzgl. Der Drogenproblematik können u.a. folgende Substanzen oder deren Abbauprodukte in den Haaren nachgewiesen werden:
  • Amphetamine und Designerdrogen (Amphetamin, BDB, MBDB, MDA, MDEA, MDMA)
  • Cannabinoide (THC, CBD, CBN)
  • Cocain, Benzoylecgonin, Methylecgonin und Cocaethylen
  • Opiate (Heroin, MAM, Morphin, Codein, Dihydrocodein, Acetylcodein)
  • Methadon undEDDP, Buprenorphin
  • Alkohol: Alkohole verestern mit körperverfügbaren Fettsäuren zu Fettsäureethylestern, die sich ebenfalls in den Haaren ablagern. Erste gute Erfahrungen mit der Analyse dieser Substanzen liegen mit rechtlich valider Qualität vor und die Analysenmethoden für diesen Bereich werden weiter vorangetrieben, so dass die Bedeutung der Haaranalyse zum Nachweis von Alkohol-Abstinenz in den nächsten Jahren zunehmen wird.
  • Dopingmittel, Anabolika
  • Schwemetalle und Umweltgifte
Die Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; mit genügend Hartnäckigkeit kann man *alles* nachweisen.
Ein kleines Schmankerl: Über die Haaranalyse hat man nachgewiesen, daß Napoleon Bonaparte (1769-1821) an einer Arsenvergiftung litt.


Wie werden Proben genommen?

Für die Haarprobe wird ein bleistiftdicker (ca. 5 mm) Haarstrang direkt über der Kopfhaut entnommen. Für den zeitabhängigen Substanznachweis ist sicherzustellen, daß sich die Haare nicht gegeneinander verschieben, sondern irgendwie in ihrer relativen Lage transportsicher fixiert sind. Wird der Haarstrang nicht direkt über der Kopfhaut entnommen, so ist die Länge der zurückbleibenden Haare zu vermerken.


Messmethoden

Der Nachweis bestimmter Stoffe im Haar erfolgt üblicherweise z.B. durch Immunoassays oder chromatographische Methoden, gekoppelt mit spektroskopischer Analytik (z.B. GC-MS).
Die Haarprobe i.d.R. zunächst präpariert: Die Oberfläche wird gereinigt, um Kontamination durch Umgebungsluft (z.B. Passivrauchen) auszuschließen, und das Haar wird ggf. aufgeschlossen, um die gesuchten Substanzen freizusetzen und zu extrahieren.

Immunoassay:
Hierbei handelt es sich um ein biochemisches Analyseverfahren, bei dem mit speziell vorbereiteten Hilfsstoffen hochspezifisch Stoffe schon in kleinsten Konzentrationen nachgewiesen werden können. Die Hilfsstoffe werden dabei auf die zu analysierende Substanz zugeschnitten und reagieren praktisch ausschließlich auf den gewünschten Analyten.

GC-MS:
Dieses Kürzel steht für eine physikochemische Analysenmethode, bei der zuerst ein Substanzgemisch (d.h. alles, was aus dem Haar extrahiert wurde) gaschromatographisch aufgetrennt und in einem Arbeitsgang die aufgetrennten Bestandteile massenspektroskopisch identifiziert werden. Die Trennung arbeitet dabei äußerst effizient und die Identifizierung der Komponenten anhand des Fragmentationsmusters im Massenspektrometer ist für bekannte Stoffe ähnlich einem Fingerabdruck ein Kinderspiel.

Für den zeitabhängigen Abstinenz-/Konsumnachweis werden die Haare bestimmter Längenabschnitte analysiert. Der Längenabschnitt ist dabei ein Maß für die vergangene Zeit.

Mit Hilfe der beschriebenen Methoden können Substanzspuren in der Größenordnung von 0,1 – 1 ng (Nanogramm) pro mg (Milligramm) Haare zuverlässig nachgewiesen werden, das entspräche grob dem Verhältnis eines Stückes Würfelzucker in fünfzehntausend Litern Kaffee (1 Tankwagen).

Der Preis für die Haaranalyse ist übrigens keine Geldschneiderei, sondern setzt sich zum größten Teil aus dem Apparativen Aufwand zusammen. Er ist notwendig, um die Laborausstattung in einem vernünftigen Zeitraum zu amortisieren.



Störfaktoren:

Wie wirken sich Witterung, Shampoos, Haarfärbemittel, Dauerwellen, etc. auf das Analysenergebnis aus?

Durch die UV-Strahlung in der Sonne oder in Solarien und durch chemische Behandlung durch Haarfärbemittel, Bleichmittel und Dauerwellen können zu analysierende Stoffe im Innern der Haare angegriffen und zerstört werden. Durch Hitze können solche Stoffe sogar ausdampfen.
Auf die Haaranalyse wirken sich diese Prozesse dahingehend aus, daß vom Analytiker, sofern er entsprechende Einflüsse erkennen kann, ein negatives Ergebnis kritisch bewertet werden wird. Der Analytiker wird ein falsch-negatives Ergebnis befürchten und dies entsprechend auch vermerken, d.h. ein negatives Ergebnis wird an Validität einbüßen.
Andererseits wird die Eliminierung der nachzuweisenden Substanzen durch Witterungseinflüsse sicherlich, durch chemische Einwirkung wahrscheinlich unvollständig sein. Für einen qualitativen Nachweis auf Konsum oder Abstinenz werden somit wahrscheinlich genug Substanzspuren zurückbleiben.
Der Versuch, durch entsprechende Einwirkung ein negatives Analysenergebnis zu forcieren, ist also kontraproduktiv.


Sind Spezialshampoos zum Auswaschen von Drogenbestandteilen aus dem Haar wirksam?

Nicht wirklich. Die nachzuweisenden Substanzspuren wurden bei der Haarbildung im ganzen Haarquerschnitt eingelagert. Shampoos ganz gleich welcher Art wirken dagegen primär auf der Haaroberfläche. Mittel, die das ganze Haar hinreichend durchdringen könnten, würden das Haar soweit schädigen, daß es einem guten Analytiker bei der Untersuchung auffiele. Die Aussagekraft der Analyse würde entsprechend bewertet.


Wie wirken sich Probenspuren in der Umgebungsluft aus (bsp. Passivrauchen)?

Substanzspuren in der Umgebungsluft können sich auf der Haaroberfläche ablagern. Diese Ablagerungen können aber normalerweise durch normales Auswaschen minimiert oder beseitigt werden. Bei der Probenvorbereitung werden üblicherweise Haarproben gründlich gereinigt, um Oberflächenablagerungen zu entfernen. Aus analytischer Sicht mag ein Hinweis auf Substanzexposition sinnvoll sein, um eine besonders wirksame Oberflächenreinigung zu gewährleisten; aus rechtlicher Sicht (soziale Umgebung) mag dies aber vielleicht ein Eigentor sein.
Zufällige äußerliche Exposition (z.B. durch einen Cannabis-Raucher im Bus) wirkt sich nicht auf eine Haaranalyse aus. Selbst bei chronischer äußerlicher Exposition (über einen langen Zeitraum hinweg) und schlechter Haarpflege werden sich allenfalls Substanzspuren nachweisen lassen, die sich in der Menge deutlich von denen eines Konsumenten unterscheiden.
Bei der passiven Inkorporation von Cannabis-Rauch können allerdings durchaus Substanzspuren in den Haaren eingelagert werden. Die Menge ist allerdings normalerweise so gering, dass sie sich – sofern überhaupt nachweisbar – deutlich von der eines Konsumenten unterscheidet. Sollte die Konzentration dagegen signifikant hoch sein, ergibt sich der Umkehrschluß, daß die Passiv-Exposition des Probanden derart hoch sein muss, daß das soziale Umfeld eine dauerhafte Abstinenz und einen geregelten Lebenswandel infrage stellt (d.h. er muß sich sehr lange Zeit in vollgequalmten Raucherräumen aufhalten).
Besteht der Verdacht eines hohen Passiv-Konsums, mag dies allerdings Auswirkungen auf die Wahl der Analysenmethode haben: Ist eine einmalige Analyse eines längeren Haarabschnitts vorgesehen, wird eine Durchschnittsbelastung über einen längeren Zeitraum ermittelt. Es ist dabei nicht unterscheidbar, ob eine chronische, niedrige Belastung vorliegt (passiver Konsum), oder ob die Belastung punktuell hoch war (sporadischer aktiver Konsum). Dieser Verlauf ist natürlich über eine Segmentweise Analyse besser dokumentierbar.
Von zuständigen juristischen Instanzen wird die Wirkung des Passiv-Konsums unterschiedlich bewertet; das Spektrum reicht dabei von „nicht relevant“ bis zu „weitere Untersuchungen zur Abklärung notwendig“.
Fazit: Durch Passivrauchen läßt sich ein hoher Substanzspiegel im Haar nicht wegdiskutieren.


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Hornblower
Beitrag 11.01.2007, 18:57
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Weil immer wieder Fragen gestellt werden, welche Stoffe ein Analysenergebnis beeinflussen können, soll an dieser Stelle das GC/MS-Verfahren, das standardmäßig zur Haaranalyse eingesetzt wird, für interessierte Laien etwas detaillierter erläutert werden.

Die Abkürzung GC/MS steht für die Kopplung der gaschromatographischen Trennung eines Stoffgemisches und der anschließenden massenspektroskopischen Untersuchung der aufgetrennten Bestandteile.


Gaschromatographie

Chromatographie im Allgemeinen ist ein physikochemisches Verfahren zur Auftrennung eines Stoffgemisches. Hierbei wird eine sog. „mobile Phase“, die das Substanzgemisch mitschleppt, an einer „stationären Phase“ entlang geführt. Durch Wechselwirkungen der Analyten mit der stationären Phase sinkt ihre Wanderungsgeschwindigkeit; da diese Wechselwirkungen von der Struktur der Analyten abhängig, d.h. verschieden sind, ergeben sich für verschiedene Stoffe unterschiedliche Wanderungsgeschwindigkeiten. Die Bestandteile des Gemisches wandern unterschiedlich schnell mit der mobilen Phase und trennen sich auf, ähnlich wie sich langsame und schnelle Läufer bei einem Volksmarathon trennen. Ein bekanntes Beispiel für Chromatographie ist ein Filzstift-Strich auf einem Stück Filterpapier, der in unterschiedliche Farben zerläuft, wenn man einen Tropfen Wasser aufgibt.

Die Gaschromatographie ist ein Hochleistungsverfahren, bei dem eine Substanzprobe im Sub-Mikroliterbereich schlagartig in einen Gasstrom injiziert und verdampft wird. Der Gasstrom wird mit konstanter Geschwindigkeit durch eine lange Kapillare geleitet, die innen mit einer stationären Phase mit spezifischen Oberflächeneigenschaften beschichtet ist. Die Probenbestandteile im Gasstrom wechselwirken mit dieser Beschichtung und trennen sich in Abhängigkeit von ihrer Molekülstruktur und der Oberflächenstruktur der Beschichtung auf (siehe Abbildung 1). Nach einigen Minuten gelangen die Bestandteile dann an einen Detektor, an dem sowohl die Menge, als auch die Zeit bis zur Detektion festgehalten wird.

Eicht man den Gaschromatographen mit reinen Referenzproben der zu analysierenden Stoffe, so können schon allein an der Retentionszeit diese Stoffe mit hoher Wahrscheinlichkeit identifiziert werden. In der Abbildung findet sich ein typisches Chromatogramm. Deutlich ist zu erkennen, wie gut das Substanzgemisch getrennt worden ist. Die Fläche unter den Substanzpeaks ist dabei proportional zur Menge der detektierten Substanz. Das Detektorsignal wird elektronisch aufgezeichnet und direkt rechnerisch ausgewertet.

Angehängtes Bild
Abb.1: Funktionsprinzip der Gaschromatographie und ein typisches Gaschromatogramm

Analysiert man sehr ähnliche Stoffe, so kann die Trennung auch unschärfer ausfallen, die Peaks rücken näher zusammen oder verwachsen sogar miteinander. Will man die Anteile einer Gruppe ähnlicher Stoffe ermitteln, so kann man sowohl jeden Peak einzeln integrieren und die Ergebnisse anschließend zusammenzählen; es wäre aber auch denkbar, das Detektorsignal über einen größeren Bereich insgesamt zu integrieren.

Angehängtes Bild
Abb.2: Molekülstruktur von Amphetamin und zweier Derivate

In Abbildung 2 sind die Molekül-Formen des Amphetamins, des MDMA (Ecstasy) und des Ephedrins aufgeführt. Die enorme Ähnlichkeit der Leitstruktur ist offensichtlich, ähnliche Retentionszeiten bei der Chromatographie sind zu erwarten. Bei genügender Sorgfalt wird der Gaschromatograph so betrieben, dass die Trennung der Stoffe dennoch möglich ist, und die Substanzpeaks werden einzeln analysiert. Ist dieser Aufwand zu teuer, könnte auch eine Integration über einen größeren Bereich erfolgen, und das Ephedrin, das chemisch zwar ein Amphetamin-Derivat ist, sich physiologisch aber anders auswirkt und deshalb rechtlich auch anders bewertet wird, würde zur Menge des „Amphetamin-Anteils“ beisteuern.


Massenspektroskopie

Die Massenspektroskopie ist ein physikalisches Hochleistungs-Analyseverfahren zur Identifizierung reiner Substanzen (oder mit begrenzter Aussagekraft für definierte Stoffgemische).

Eine Substanzprobe im Sub-Mikrogramm-Bereich wird im Hochvakuum verdampft und radioaktiv bestrahlt. Hierdurch zersetzt sich das Molekül teilweise und wird ionisiert. Dieses Zerfallsmuster ist charakteristisch für ein gegebenes Molekül.

Die Ionen werden durch ein elektrisches Feld beschleunigt und anschließend durch ein magnetisches Feld auf eine Kreisbahn gezwungen, deren Radius abhängt von der Geschwindigkeit der Bruchstücke, die durch deren Ladung und der Beschleunigung im elektrischen Feld gegeben ist, und deren Masse (Stichwort: „Zentrifugalkraft“). Die einzelnen Partikel-Strahlen werden wiederum mit ihrer Intensität detektiert und elektronisch ausgewertet (siehe Abbildung 3).

Angehängtes Bild
Abb.3: Funktionsprinzip der Massenspektroskopie und ein typisches Massenspektrum

Ein typisches Massenspektrum eines reinen Stoffes findet sich ebenfalls in Abb. 3. Das Fragmentationsmuster ist für diesen Stoff so charakteristisch wie ein Fingerabdruck beim Menschen. Massenspektren sind in elektronischen Datenbanken verfügbar und werden mit dem Analysenergebnis abgeglichen. Die Verifizierung eines Stoffes wird zum Kinderspiel.


GC/MS-Kopplung

Diese Analysenapparatur ist so konfiguriert, dass eine Analysenprobe in den Gaschromatographen injiziert und von diesem wie beschrieben aufgetrennt wird. Sobald ein Substanzpeak am Ende des Chromatographen detektiert wird, wird automatisch ein Massenspektrum des Stoffes aufgezeichnet. Die eindeutige Identifizierung des detektierten Stoffes ist somit möglich.


Auswertung

Das Analysenergebnis hängt maßgeblich von der Leistungsfähigkeit der Chromatographie und der Zuordnung der Stoffpeaks ab. Ist die Trennung der Bestandteile routinemäßig problemlos möglich, so kann von jedem Bestandteil ein Massenspektrum ermittelt werden. Für die Mengenbestimmung einer Stoffgruppe (bsp. „Amphetamine“) werden dann nur diejenigen Peaks herangezogen, deren Spektrum mit den ausgewählten Referenzen übereinstimmt. Das Ergebnis kann ggf. durch Beistoffe verfälscht werden, wenn diese Stoffe sich nicht sauber von den Analyten trennen lassen, entweder, weil die physikochemische Auftrennung durch die Chromatographi schlichtweg bei den gegebenen und gewählten Materialien nicht möglich ist, oder weil der Auswertungsbereich nicht fein genug geschnitten wird.

Aus diesem Grunde ist eine Diskussion mit dem beauftragten Labor aus wissenschaftlicher Sicht durchaus sinnvoll, falls Anlaß zur Vermutung besteht, dass ein Analysenergebnis bzgl. Rauschmitteln durch Medikamente, Nahrungsmittel oder Umweltfaktoren verfälscht werden könnte. Eine solche Diskussion mag allerdings aus rechtlicher Sicht durchaus „schlafende Hunde“ zu wecken.


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Beitrag 24.04.2017, 13:41
Beitrag #3


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Weitere Hinweise zur Haaranalyse, insbesondere auch im Zusammenhang mit EtG als Alkohol-Abstinenznachweis, gibt es HIER.


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Beitrag 12.12.2017, 13:18
Beitrag #4


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Weitere Informationen zur Haaranalyse bei Cannabis (aber auch interessant für andere Ziel-Analyten) wurden von Lotte 2 gepostet und im folgenden zitiert:

Zitat (Lotte 2 @ 11.12.2017, 22:22) *
Es ist nicht nur die Zeit vom letzten Konsum zu rechnen, (wann wie lange noch was in die Haare einwachsen kann), sondern es gilt den Zeitpunkt zu ermitteln, ab wann der Körper clean von den Substanzen ist. Daher wird hier im Board idR geraten per Urinteststreifen seinen Urin, als Spiegel des Körpers, nach Drogenfreiheit zu überprüfen. Je nach Stoffwechsel des Einzelnen und auch je nach Konsummuster des Einzelnen dauert es unterschiedlich lange bis der Körper das in den Fettdepots eingelagerte Cannabis in die Blutbahn freigegeben hat und durch den Stoffwechsel (möglicherweise wieder einen Teil ins Fettdepot einlagert) über den Urin letztendlich ausgeschieden hat. Das kann in extremen Fällen, so die Erfahrungswerte aus dem Board, bis zu 3 Monate dauern.

Ab diesem Zeitpunkt sollte noch bedacht werden, dass Substanzen, die in der Blutbahn bislang mitschwammen und von dort zu den Haarwurzeln gelangen nicht zeitgleich ins Haar einwachsen. Der Wachstumsprozess des Haares von der Haarwurzel zum Austritt an der Kopfhaut dauert 9-14 Tage.

Haare wachsen je nach Veranlagung unterschiedlich schnell. Bei manchen sind es nur 0,8 cm, bei anderen 1,2 cm im Monat, so dass der Durchschnittswert von 1 cm seine Geltung gefunden hat.



[...]

Zu Bedenken ist auch, dass (laut BuK) sich Suchtstoffe (bei gleichen Konsummuster) in einer höheren Konzentration bei dunklen pigmentieren Haaren finden lässt, als bei blonden oder rötlichen Haaren. Auch die Stärke des Haares, sowie die intakte Form der Haare ist zu berücksichtigen.

[...]

Zu unterscheiden sind 3 Haarformen:

1. anagenes Haar = im Wachstum befindliches Haar - 85-90 % der Haare
Dauer beim Mann - 2-4 Jahre, Frau 6-7 (je nach Konstitution und Lebensweise, Krankheiten)
in dieser Phase befindet sich das Haar in einem kontinuierlichen Wachstum

2. katagenes Haar = im Wachstumsstop befindliches Haar = Übergangsphase - 1-3 % der Haare
Dauer 2-3 Wochen (je nach Literatur auch 1-4 Wochen)
in dieser Phase löst sich das Haar von der Wurzel und verhornt.

3. telogenes Haar - abgestorbenes Haar - 10-15 % der Haare
Dauer: die BuK schließen die katagene Haare und telogene Haare zusammen und sagt aus, dass bis zu 6 Monate die Haare noch das Haupt zieren.
Andere Literatur geht bei der telogenen Phase von 6-12 Wochen, weiter von 3-4 Monaten aus.


Das klingt erschreckend?

Zur Beruhigung darf man bedenken, dass die 10-15 % der beteiligten Haare, nicht immer die selben Haare sind. Während im Laufe der Monate sich viele telogene Haare sich tatsächlich verabschieden, werden neue Haare zu telogenen Haare, die, durch die AB, nicht kontaminiert sind. Die % Zahl der noch kontaminierten Haare reduziert sich somit monatlich, so dass nach 6 Monaten Drogenfreiheit im Blut (so meine Rechnung, sollte ich falsch liegen, dann bitte ich um Korrektur) kaum mehr verseuchte telogene Haare auf dem Kopf befinden dürften.

Wie rasch sich telogenes Haar verabschiedet ist auch abhängig von mechanischen Reizen. Menschen, die ihre Haare häufig waschen und auch regelmäßig kämen, evtl sogar stark bürsten, verlieren ihr telogenes Haar wesentlich rascher, als Menschen, die diese Form der Körperpflege weniger intensiv betreiben. Auch Menschen, die ihr Haar gerne zu einem straffen Zopf tragen, werden mehr mechanische Belastung auf ihr Haar ausüben, als diejenigen, die es locker auf dem Kopf sprühen lassen......

Ferner, das ist meine persönliche Beobachtung (nicht nur an mir, sondern auch an meinem Umfeld, auch Friseure bestätigen das, und wird durch mein Wissen der chinesischen Medizin bestätigt) dass der Mensch im Herbst, vor allem im Frühjahr mehr Haare verliert, als im Sommer oder Winter.



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